Antonia Fehrenbach
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Erzählen bedeutet neue Erfahrungen machen.  

Das Projekt: Segeberger Erzählertreffen


Wer seine Lebensgeschichte oder Episoden daraus für Familie, Freunde und andere Menschen festhalten möchte, schreibt sie auf oder lässt seine Biografie erstellen. Inzwischen werden Städte-Biografien in Museen als Kunstwerke ausgestellt. Weshalb also nicht die „Biografie“ eines Projektes verfassen?

Der 21. Mai 2010 ist die Geburtsstunde des Segeberger Erzählertreffens.

Sie, liebe Leser und Leserinnen, sind online mit dabei, können hier erfahren, wie es weiter geht, denn hier sollen alle wichtigen Schritte chronologisch festgehalten werden. Aktuelles finden Sie ganz oben, für die Anfänge müssen Sie zurückblättern. Es steht Ihnen frei, sich mit Ideen, Vorschlägen, Tipps und Geschichten an seinem guten Gedeihen zu beteiligen. Schreiben Sie mir einfach eine E-Mail. Ihr Beitrag kann in Absprache mit Ihnen hier eingestellt werden.

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12. Dezember 2010: Zwei Grashalme im Wind von Stefanie Winter

"When you play a violin piece, you are a storyteller, and you're telling a story."
Joshua Bell, Violinist


Dasselbe gilt für den Clown, schreibt Stefanie Winter. Solange er etwas zu erzählen hat, macht es auch Sinn. ...


„Deine Mama kommt nicht wieder nach Hause“.
Der Arzt sprach sehr leise, aber deutlich. Er schaute Carla dabei freundlich an, ein bisschen wie Herr May, wenn er sie in Deutsch drannahm. Und dann fing Papa an zu weinen und Mama sah schweigend aus dem Fenster und hielt Papas Hand. Carla hatte plötzlich Lust, die Wände hoch zu laufen. Aber stattdessen fragte sie ganz ruhig: „Kannst du uns sehen, wenn du im Himmel bist, Mama?“
Da weinte Papa noch mehr, Mama schloss erschöpft die Augen und der Arzt schaute Carla mitleidig an. Carla verstand nicht. Hieß das nein? Sie fühlte sich in diesem Zimmer so beengt, als würde ihr Bruder Hauke sie in den Schwitzkasten nehmen. Lautlos schlich sie hinaus. Sie lief den Gang entlang bis zur Glastür, dann das Treppenhaus hinunter, gelangte in ein anderes Treppenhaus, lief hinauf, hinab. Irgendwann hielt sie atemlos an.
Sie lauschte ihren eigenen Atemzügen. Ein – aus – ein – aus. Da hörte sie hinter sich noch jemanden atmen. Carla drehte sich um und traute ihren Augen nicht. Vor ihr stand eine merkwürdige Gestalt mit roter Mütze, einer roten Latzhose und einer roten Nase im Gesicht.
„Ich bin übrigens Nellie und du?“, sagte die Gestalt.
Carla sah Nellie groß an. „Carla... Äh, was machst du denn hier?“
„Ich atme“, sagte Nellie freudig. „Mach doch mit!“
Und Carla ließ sich von Nellies Freude am Atmen anstecken, holte mit jedem Atemzug tiefer Luft und dabei bewegte sich der ganze Körper hin und her und sie sahen aus wie Grashalme im Wind. Als sich ihre Blicke trafen, mussten sie lachen. Da fiel Carla ein, dass ihre Mama bald nicht mehr atmen würde und sie wurde traurig.
Nellie sah sie mit ihren funkelnden blauen Augen an. „Bist du traurig?“ Carla nickte stumm. „Wie traurig bist du denn?“, fragte Nellie neugierig.
Carla sah sie fragend an. „Ich bin so traurig“, seufzte Nellie und breitete dabei die Arme weit aus, um zu zeigen, wie traurig sie war. „Und du?“
„Ich bin so traurig.“ Carla musste mit nach oben gestreckten Armen in die Luft springen, um anzuzeigen, wie traurig sie war.
„Oh“, sagte Nellie, „das ist aber sehr traurig!“
„Bist du nun traurig oder fröhlich?“, fragte Carla.
„Och, das wechselt. Mal bin ich traurig, mal fröhlich“, antwortete Nellie. „Fühl mal!“ Nellie hielt ihre Hände so, als würde sie etwas darin verbergen. Sie öffnete sie leicht, so dass Carla mit den Fingern hineinfühlen konnte. Oh, wie weich das war, und ganz flauschig! Da sagte Nellie: „Die ist für dich!“
Carla nahm die kleine weiße Feder vorsichtig zwischen ihre Finger.
„Und wenn du sie fliegen lässt, kannst du dir was wünschen!“
Carla pustete die Zauberfeder in die Luft und folgte ihr mit den Blicken. Nellie summte eine kleine Melodie, die Carla von ganz früher kannte, als sie mit Mama noch abends gesungen hatte. Und dabei vergaß sie ganz und gar, sich etwas zu wünschen.
Stefanie Winter
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